INDONESIENS HORRORFILMINDUSTRIE: ZWISCHEN LOKALEN GEISTERGESCHICHTEN UND GLOBALER POP KULTUR

„EINE WELT OHNE GEISTER? IST DAS NICHT LANGWEILIG?” 

(Indonesischer Filmstudent, 26 Jahre)

Wer von Euch glaubt denn noch an Geister und Fabelwesen? Im Westen werden wir ja oftmals von klein auf durch rationale Erklärungsmodelle unserer Fantasiewelt entrissen und beraubt. Diejenigen, die im Erwachsenenalter noch von Zwischenwelten oder übernatürlichen Begegnungen berichten, werden dann schnell mal als Fanatiker oder Spinner abgetan. In Indonesien jedoch ist die umgebende Natur immer noch beseelt von unheimlichen Geistern, Fabelwesen und übernatürlichen Kreaturen. Und diese Vorstellung gilt nicht nur für Kinder und ist auch nichts Außergewöhnliches hier. Tatsächlich ist sie Teil des täglichen Lebens. Vom Angkot-Fahrer, über die Unterstufenlehrerin, den Reisbauern, oder Hipster-Studenten bis hin zum erfolgreichen Geschäftsmann in Jakarta. Sie alle berichten von para-normalen Erlebnissen und Phänomenen. Tiefgreifende mythologische Ideenwelten treffen auf vibrierende Pop-Kultur und bilden Grundlage und Transformationsfläche für zeitgenössisches Erleben von Zwischenwelten und sensibilisierte Resonanzflächen. Feinfühlige Indonesien-Besucher werden während ihres Aufenthaltes energiegeladene Orte nicht leugnen können und selbst der Vernunftmensch schlechthin wird in Indonesien auf die Probe gestellt.

Selbst gemachte Puppe des indonesischen Geistes “pocong” vor einem Haus in Cianjur/Westjava.

 

 

GEISTERWELTEN INDONESIENS ALS HYBRIDE FUNDGRUBE POP-KULTURELLER PHÄNOMENE

Indonesien wird seit Jahrhunderten geformt, überlagert und transformiert von animistischen Glaubensvorstellungen, hindu-buddhistischer Kosmologie und islamischem Mystizismus. Diese vielfältigen Einflüsse, die sich teils überschneiden und teils kontrastieren, haben eine fantastische Welt an Gespenstern, Legenden und Mythen hervorgebracht. Diese Wesen spiegeln die historischen Überlagerungen kultureller Stränge wieder, werden zu hybriden Legenden, die sich an aktuellen Sehnsüchten und Ängsten orientieren. Dieser durchmengte Ideentopf an folkloristischen Mischwesen hat die gruseligsten Gestalten und Legenden hervorgebracht, die mir persönlich je unterkamen. Der Stoff aus dem Hollywood-Kino produziert wird, entspringt, wie ich mittlerweile weiß, nicht immer nur einer kreativen bzw. dezent verstörenden Vorstellungskraft eines Drehbuchautors. Ein Blick in die asiatische Mythensammlung reicht, um einen Kassenschlager zu produzieren. Dies ist möglicherweise mit ein Grund, warum sich das westliche Horror-Genre immer noch nicht mit seiner asiatischen Konkurrenz mithalten kann. Denn die asiatischen Horror-Charaktere entspringen keiner blühenden Fantasie, sondern den tatsächlichen lokalen Glaubensrealitäten.

Am Filmset von Jose Poernomos (Indonesiens berühmtester Horrorregisseur) neuestem Kinofilm, der noch 2017 in den indonesischen Kinos ausgestrahlt werden wird.

 

BERÜHMTE INDONESISCHE GEISTER, MYTHEN UND LEGENDEN

Schon jemals auf den Namen Pocong gestoßen? Dieser in Indonesien ansässige Geist ist von Kopf bis Fuß in ein weißes Leinen gewickelt, sodass er sich kaum mehr bewegen kann. Interessanterweise lässt sich die Erscheinung des autochthonen Gespenstes von islamischen Begräbnisritualen herleiten. Denn im Islam wird der Tote traditionell nur in ein weißes Tuch gewickelt vergraben. Die gruseligsten Geister erscheinen allerdings in der Gestalt von Frauen, die gerade ein Kind erwarten. Zum Beispiel Kuntilanak, ein südostasiatisch weit verbreitetes Spukgespenst, kam als Schwangere ums Leben. Sie ist erkennbar an ihrem langen, schwarzen Haar, das ihr komplettes Gesicht bedeckt. Oder Sundel Bolong, die nach einer Vergewaltigung unter Schmerzen verstarb und erst im Grab ihr Kind austrug. Mit einem riesigen Loch in ihrem Bauch, aus dem Innereinen herausquellen, ist sie nun auf der Suche nach Neugeborenen, um sich zu rächen. Mein persönlicher Favorit ist allerdings Tuyul, ein mit schwarzer Magie wieder zum Leben erweckter Fötus, der sein Unwesen treibt. Dieser ausschnitthafte Einblick in Indonesiens Welt an berühmten Geisterikonen ist unendlich fortsetzbar und variiert durch lokale Traditionen und Vorstellungen in den unterschiedlichen Regionen Indonesiens.

 

DER DURCHBRUCH DES INDONESISCHEN HORRORFILMS 1967

Es wundert deshalb nicht, dass sich die Filmindustrie die lokalen Legenden rasch zu eigen machte und alltägliche Geistergeschichten auf die große Kinoleinwand brachte. Im Zuge des „Neue-Ordnung-Regimes“ (Ordre Baru), während der Ära Indonesiens zweiten Präsidenten Suharto, wurde ab 1967 erstmals eine relative künstlerische Freiheit gewährleistet, die den Filmschaffenden ein breiteres Spektrum an Themen ermöglichte. Die 70iger Jahre sind deshalb als Initialzündung und experimentelle Phase indonesischer Kinoindustrie zu sehen. Lokale Gespenster sowie mythische Erzählungen wurden rasch als Narrativ eines global wachsenden Genres instrumentalisiert. Das Horror-Genre ist bis heute eines der erfolgreichsten Indonesiens und die unerschöpflichen paranormalen-Aktivitäten bieten genügend Material für immer neue Drehbücher. Heimgesuchte koloniale Gebäude, Parks oder Friedhöfe sind Lieblingsdrehorte indonesischer Horror-Film Regisseure. Aber nicht nur die Kinoindustrie profitiert von Indonesiens Vorliebe für das Mystische. Auch Fernsehen und Radio beteiligen sich rege an dem Erfolg. Reality-shows senden mutige Freiwillige ausgestattet mit Life-Kameras über Nacht an Indonesiens unheimlichste Orte, während Radioprogramme wöchentlich lokale Geistergeschichten durch Audio-Untermalung zum Leben erwecken. Der Horror boomt in Indonesien und die Gründe dafür liegen tief begraben in den multiplen historischen und kulturellen Prägungen.

Indonesien Horrorfilm Geister Jose Poernomo Regisseur
Am Filmset von Jose Poernomo: Er schaffte den Durchbruch mit seinem Film “Jelangkung” und ebnete den Weg für das Genre. Seitdem ist er aus der Filmgeschichte Indonesiens nicht wegzudenken.  Immer noch ist er einer der gefragtesten Horrorfilm-Regisseure und sorgt ständig für Nachschub.

 

INDONESIENS HORROR-FILM-INDUSTRIE ALS PROJEKTIONSFLÄCHE LOKALER GLAUBENSWELTEN

Mythen, Geister und Legenden spielen bis heute eine immanente Rolle in der indonesischen Gesellschaft und sind tief verwurzelt in kulturelle jahrhundertealte Praktiken. Eingebettet im alltäglichen kollektiven Empfinden formen übernatürliche lokale Phänomene multiple Realitäten und Lebenswelten im größten Inselstaat der Welt. Verpackt als kommerzialisiertes Massenprodukt ist der indonesische Horror-Film einerseits Symbol westlich globaler Marktlogik. Andererseits reflektiert der immense Erfolg des Genres in Indonesien nur die lokalen Glaubensmodelle. Geister, Mythen und Legenden beseelen Land, Natur und Wasser und sind Ausdruck einer transzendenten Kosmologie. Ein Kinobesuch auf der Indonesienreise ist deshalb durchaus eine Möglichkeit, sich diesem facettenreichen Land zu nähern und Indonesiens Spukgespenster näher kennenzulernen.

Movies are intricately concerned with culture. They are cultural texts, embodying within their frames the entire range of cultural behaviour from artifacts to motivation. (Heider 1991, p. 1)

 

INDONESISCHER HORROR-FILM ALS KULTURELLER EISBRECHER

Ich kann deshalb nur empfehlen, nicht auf einen Kinobesuch zu verzichten. Auch wenn in den meisten Kinos keine englischen Untertitel geboten werden – dieses Genre besticht durch audiovisuelle Effekte.

Hier drei empfehlenswerte Kinos in Jakarta:

  1. CGV – Blitz Grand Indonesia (Grand Indonesia, West Mall, 8th floor, Jalan MH. Thamrin No. 1, Zentraljakarta ◊ 50.000 IDR| Person von Montag bis Donnerstag, 60.000 IDR| Freitag, 750.000 IDR| Wochenende)
  1. XXI – Metropole (Komp. Megaria, Jalan Pegangsaan 21, Central Jakarta ◊ 40.000 IDR| Person von Montag bis Donnerstag, 50.000 IDR| Freitag, 60.000 IDR| Wochenende)
  1. Djakarta XXI (Jalan. MH Thamrin No. 9, Central Jakarta ◊ 35.000 IDR| Person von Montag bis Donnerstag, 40.000 IDR| Freitag, 50.000 IDR| Wochenende)

 

Heider, Karl. G., Indonesian Cinema. National Culture on Screen, Honolulu 1991.

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